Das Erbe der Runen
 
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Leseprobe:
»Der Schrei des Falken«
Osanna Vaughn

Hinter dem Stadttor öffnete sich ein gepflasterter Platz, der von eleganten, dreistöckigen Steinhäusern umgeben war. Kurze, niedrige Treppen führten zu kunstvoll geschnitzten Haustüren hinauf und überdachte Balkone zogen sich in den oberen Stockwerken an den Häuserreihen entlang. Schwere Vorhänge in den Balkontüren versperrten den Blick in die dahinter liegenden Wohnräume. Die Reiter hielten sich auf der Mitte der Straßen, die vom Platz wegführten; sie trugen die edel gearbeitete Lederuniform der Kataurenkrieger, die weiten Samtumhänge der Fath-Kaufleute oder die staubige Gewänder von Eilboten. Die Fußgänger wichen vor den Reitern zur Seite und mussten sich an den Hauswänden entlang drängen. Es herrschte eine lebhafte Stimmung: Landvolk und Städter waren bunt gemischt und gingen ihren Geschäften nach.

Vor den drei Reisenden erstreckte sich eine gerade Straße, gesäumt von alten Bäumen in hellstem Frühlingsgrün. Sie führte direkt in die Stadtmitte, während rechts und links zwei schmalere Abzweigungen an der Innenseite der Stadtmauer entlang verliefen.

Bardelph lenkte den Wagen nach rechts. Kurz darauf tauchten sie in den Schatten der Häuser ein. Auf der einen Straßenseite standen ansehnliche Häuser, während auf der gegenüberliegenden Händler in Buden eine Vielfalt von Waren feilboten. Obwohl es schon recht spät war, herrschte immer noch reges Treiben. Das Maultier kam nur mühsam vorwärts, aber das machte Alduin nichts aus. Immer neue Gerüche stiegen ihm in die Nase und überwältigten ihn: die reichen Düfte von Gewürzen, von gerösteten Kastanien und von Parfümen mischten sich mit dem weniger angenehmen Geruch von verrottetem Gemüse, verschwitzten Körpern und Staub. Begierig sog er die vielen bunten Bilder in sich auf: den Mann mit dem eigenartigen langhaarigen Tier, das auf seiner Schulter hockte; einen anderen, der seltsam geformte Flaschen verkaufte, mit einem Heilmittel gegen Krankheiten aller Art, wie er behauptete. Drei Frauen eilten vorbei – dunkelhäutige Wunands wie seine Mutter. Sie trugen eng anliegende schwarze Hosen und dazu passende Oberhemden, die an den Hüften von geflochtenen Gürteln zusammengehalten wurden. Darin steckte eine sehr ungewöhnliche Peitsche. Kinder rannten lachend hin und her und stibitzten den ahnungslosen Verkäufern Nüsse oder Obst. Eine Frau trug einen tönernen Wasserkrug auf dem Kopf.

Wohin Alduin seinen Blick auch wandte, immer wurde er von neuen, aufregenden Eindrücken gefesselt. Doch plötzlich beim Anblick eines jungen Mannes, der einen Falken auf seiner Faust trug, geschützt von einem dicken Lederhandschuh, verflog Alduins Interesse für alles andere. Er drehte sich um und sah dem Falkner nach, bis er in dem schmalen Durchgang verschwand, an dem sie gerade vorbeigekommen waren. Alduin seufzte tief; erst jetzt merkte er, dass er den Atem angehalten hatte. Er fragte sich, wohin der junge Mann wohl gegangen sein mochte.

»Wir sind da«, sagte Bardelph. Alduin schrak aus seinem Tagtraum auf. Der Raiden lenkte den Wagen nach links durch einen Torbogen in den Innenhof eines Gebäudes und brachte das Gespann zum stehen. In diesem Augenblick schallte ein gewaltiger Glockenschlag über die Stadt. Alduin zuckte zusammen. In gleichmäßigen Abständen folgten sechs weitere Schläge. Für Alduin klangen sie wie die gewaltigen Hammerschläge eines Schmiedes auf glühendem Eisen. »Was bedeutet das?«, fragte er, als das Läuten vorüber war.

»Siebte Glocke«, erklärte Bardelph. »Hier in der Stadt wird die Zeit mit Glockenschlägen gemessen. Acht Glockenschläge hat der Arbeitstag und acht Schläge hat die Nacht. Bei der vierten Glocke am Tag steht die Sonne am höchsten, die vierte Glocke bei Nacht bedeutet Mitternacht. Mittagessen gibt's normalerweise zwischen der vierten und fünften Glocke und so weiter.«

»Jetzt bin ich ganz durcheinander«, sagte Alduin.

Bardelph lachte. »Kann ich mir vorstellen. Aber daran wirst du dich bald gewöhnen! Kommt, fragen wir mal nach, ob hier für uns noch Zimmer frei sind.«

Er sprang vom Wagen und ging durch die Hintertür in das Haus. Aranthia stieg ab und streckte sich. Alduin lief sofort zum Torbogen zurück und schaute auf die Straße hinaus. Aranthia kam hinterher.

»Es ist schon so lange her«, seufzte sie und legte ihm die Hand auf die Schulter. »Es kommt mir so vor, als lebten jetzt viel mehr Leute in der Stadt, aber vielleicht bilde ich mir das nur ein. Ich bin es einfach nicht mehr gewohnt, unter Menschen zu sein.«

»Hast du den Falkner gesehen?«, fragte Alduin aufgeregt.

Sie lächelte. »Ja, ich hab ihn gesehen. Er schien es ziemlich eilig zu haben.«

»Er lief in eine Seitenstraße.«

»Dort ist es ruhiger. Ich denke, der Lärm und die vielen Leute bringen einen Falken ganz durcheinander.«

Inzwischen hatte sich auch Bardelph zu ihnen gesellt. »Gute Nachrichten«, sagte er. »Zwei Zimmer sind noch frei. Eines liegt zur Straßenseite und ist ziemlich klein, aber mir reicht es völlig. Das andere ist größer und dürfte für euch beide gerade richtig sein. Es ist sehr ruhig und geht auf den Innenhof hinaus.«

Alduin hätte es nichts ausgemacht, das Zimmer zu nehmen, das auf der Straßenseite lag, denn er fand alles so aufregend, was er hier zu sehen bekam. Aber er wollte sich nicht beklagen und half Bardelph das Gepäck nach oben zu schaffen. »Ich hoffe, dass ihr einverstanden seid«, sagte Bardelph, »aber ich habe die Zimmer mit Frühstück für sieben Tage gemietet und dafür eines von Cartos Dolchen eingetauscht. Das gibt uns genügend Zeit, uns ein wenig umzusehen und ein anderes Quartier zu suchen, wenn es uns hier nicht gefällt.«

Aranthias war zufrieden mit dem geräumig und bequem eingerichteten Zimmer und stimmten seinen Plänen zu. Ihre Gedanken bewegten sich viel mehr um den eigentlichen Grund ihrer Reise, und Alduin war so aufgeregt, dass ihm jede Unterkunft recht gewesen wäre. Während sie auspackten, beschloss der Bardelph, kurz zum Falkenhaus zu gehen, um sich zu erkundigen, ob Calborth noch dort lebte und ob sich in der Burg (Halle) für Alduin etwas tun ließe. Er versprach, ihnen am nächsten Morgen beim Frühstück zu erzählen, was er herausgefunden hatte. Alduin müsse sich noch ein wenig gedulden, sagte er beim Abschied.

»Ich bin ziemlich müde«, bekannte Aranthia, als Bardelph gegangen war. »Ich hatte eigentlich vor, dich noch ein wenig in der Stadt herumzuführen, aber jetzt merke ich, dass es mir zuviel wird. Geh hinunter und bitte den Wirt, uns das Abendessen zu bringen. Aber erzähle niemandem von Rihscha. Für heute haben wir noch ein wenig Fleisch für ihn übrig.«

Alduin lief aus dem Zimmer und Aranthia öffnete die Fensterläden weit, bevor sie sich ans Auspacken machte. Die wenigen Kleider, die sie mitgebracht hatte, verstaute sie in der obersten Schublade einer Kommode in der Nische des Zimmers, auf der ein Wasserkrug und eine große Waschschüssel standen. Darüber hing eine polierte Messingscheibe, in der sie ihr Spiegelbild erblickte. Bei dem unerwarteten Anblick schreckte sie zurück. Es war schon so lange her, seit sie sich zum letzten Mal in einem Spiegel gesehen hatte, dass sie jetzt ihr eigenes Spiegelbild nicht mehr erkannte. Sie lächelte sich vorsichtig zu; dann öffnete sie ihr Haar, das sie immer zu einem dicken Knoten im Nacken gebunden trug, schüttelte den Kopf und fuhr mit den Fingern durch ihre dichte, lockige Mähne. Was sie jetzt im Spiegel sah, missfiel ihr keineswegs. Sie erinnerte sich kaum noch an die Zeit, als sie noch ein junges Mädchen gewesen war. Dass das Alter in ihrem Gesicht Spuren hinterlassen hatte, nahm sie deshalb ohne jede Enttäuschung zur Kenntnis. Sie grinste sich schelmisch zu, dann wandte sie sich um ließ den Blick durch das Zimmer schweifen. In der hintersten Ecke stand ein ausladendes Himmelbett mit schweren Vorhängen, breit genug für sie und ihren Sohn – so breit, dass sie wohl hoffen durfte, vor ihrem im Schlaf manchmal um sich tretenden Sohn sicher zu sein. Am Fußende gab es eine große Truhe und vor dem Fenster stand ein einfacher Holztisch mit drei kräftigen Stühlen, darunter lag eine Binsenmatte.

»Der Wirt sagt, das Abendessen wird uns kurz nach Sonnenuntergang gebracht«, berichtete Alduin. »Er hat mir Kerzen mitgegeben. Wir sollen sie in die Wandhalter stecken. Und außerdem eine Öllampe für den Tisch.«

Alduin kümmerte sich um die Lichter, während Aranthia Rihscha mit seinem Nest aus dem Korb hob und auf den Sims am offenen Fenstersetzte. Der Himmel erstrahlte in goldenem Licht; sie konnten die Sonne nicht mehr sehen, wussten aber, dass sie gerade unterging.

»Weiche ein wenig Fleisch ein und füttere ihn, wenn er hungrig ist. Wir müssen ihn verstecken, bevor sie unser Abendessen bringen.«

Alduin kaute das Fleisch weich, bevor er es an seinen Falken verfütterte. Aranthia räumte derweil das restliche Gepäck in die Schubladen. Die wertvollen Waren, die sie Carto abgenommen hatten, legte sie ganz unten in die Truhe und deckte sie mit einer schweren Wolldecke zu. Morgen würden sie und der Raide versuchen müssen, all das zu verkaufen, denn sie brauchten Geld.

Es klopfte; Alduin legte schnell den schlafenden Rihscha in seinen Korb und schob ihn hinter das Bett. Ein Junge brachte ein Tablett mit dem Abendessen herein und stellte es auf den Tisch: dampfende Suppenschüsseln, ein kleiner Laib Brot, ein wenig Ziegenkäse und zwei große Becher mit leichtem Met. Der Junge warf einen neugierigen Blick auf Alduin und verschwand wieder.

Sie setzten sich. Die Gemüsesuppe war einfach und nur leicht gewürzt, aber dafür schmeckte der Käse salzig. Doch nach der langen Reise waren sie dankbar, dass sie nicht mehr aus dem Haus gehen mussten. Als sie gegessen hatten, fragte Alduin, ob er noch ein wenig die Stadt erkunden dürfe.

»Es wird aber schon bald dunkel!«, wandte Aranthia ein. »Ich weiß nicht, ob die Straßen nachts sicher sind. Warte doch bis morgen früh!«

»Aber ich bleibe nicht lange weg! Mir passiert bestimmt nichts, mach dir keine Sorgen.« Er bettelte so inbrünstig, dass Aranthia schließlich lächelnd nachgab.

»Also gut. Aber meide die dunklen Gassen!«

Statt einer Antwort drückte er ihr schnell einen Kuss auf die Wange und lief aus dem Zimmer.

Die meisten Buden waren bereits geschlossen. In bunter Schrift standen die Namen der Besitzer und die Art des Geschäfts auf den Bretterverschlägen und bildeten eine farbenfrohe Reihe durch die ganze Straße. Aber Alduin achtete nicht darauf; er hatte nur ein Ziel: die Gasse wieder zu finden, in die der Falkner eingebogen war. Tatsächlich fand er sie sehr schnell; sie lag menschenleer vor ihm. Die Häuser schienen ziemlich alt zu sein. An vielen Wänden war der Putz von den Mauern gebröckelt und man konnte die grob behauenen Mauersteine erkennen. In den vielen Spalten und Ritzen klammerten sich hartnäckig blühende Pflanzen, was die Mauern erstaunlich lebendig wirken ließ. Das Kopfsteinpflaster wurde immer wieder von ein paar Stufen unterbrochen. Der Weg schlängelte sich einen  Hügel hinaufzog, bis er an einer hohen Mauer endete.

Alduin blieb nichts anderes übrig, als einer noch schmaleren Gasse zu folgen, die sich an der Mauer der Zitadelle entlang zog. Und dahinter musste das Falkenhaus liegen! Er suchte nach einem Tor oder irgendeinem Durchlass zur Inneren Stadt. Aufs Geradewohl wandte er sich nach rechts, obwohl der Gang nur spärlich beleuchtet war. Weiter vorn sah er einen tiefen Schatten in der Mauer und lief darauf zu: ein Torbogen, der durch ein schweres Eisengitter gesichert war. Alduin lehnte sich dagegen und starrte angestrengt in die Dunkelheit hinein. Nur undeutlich konnte er einen großen Hof mit gestampftem Lehmboden erkennen, der von Arkadengängen umgeben war. Der Platz lag völlig verlassen da. Steinbänke umsäumten ihn, vermutlich als Sitzgelegenheiten, wenn irgendwelche Vorführungen gezeigt wurden. Alduin starrte angestrengt durch das Tor, um trotz der Dunkelheit ein paar Einzelheiten erkennen zu können und schob seinen Kopf so weit wie möglich durch das Torgitter, ohne darauf zu achten, dass er stecken bleiben könnte.

»Was hast du hier zu suchen?«, schimpfte plötzlich eine wütende Stimme hinter ihm. Gleichzeitig packten ihn zwei Hände grob an den Schultern, rissen ihn vom Tor weg und drehten ihn um. Vor Alduin stand ein gut aussehender junger Mann, der ähnlich gekleidet war wie der Falkner, den Alduin vom Wagen aus beobachtet hatte. Er trug das Haar streng zurückgekämmt und ein Lederband um die Stirn. Den Bart hatte er zu zwei Zöpfen geflochten. Seine Finger krallten sich tief in alduins Schultern. »Antworte, verdammter Lümmel!«, knurrte er drohend, ließ die Hände an Alduins Oberarme gleiten und schüttelte ihn kräftig. »Möchte wetten, du führst nichts Gutes im Schilde!«

Der Schock saß Alduin so tief in den Knochen, dass er keinen zusammenhängenden Satz hervorbrachte. »Ich… nichts… ich wollte nur schauen…«

Der starre durchdringende Blick des Mannes ließ Alduin bis ins Mark erstarren, doch allmählich fasste er sich wieder und sein Mut kehrte langsam zurück. Trotzig stieß er hervor: »Ich hab Euch nichts getan! Und ich hatte auch nichts Schlimmes vor!«

»Ich glaube, du wolltest in die Falknerei einbrechen!«, behauptete er. »Du wolltest irgendwas mit den Küken anstellen, stimmt's? Niemand außer den Falknern und ihren Meistern darf in den Bezirk. Das weißt du so gut wie jeder andere in der Stadt!«

Alduin hielt es für besser, die Wahrheit zu sagen. Oder jedenfalls einen Teil davon. Er bemühte sich, so vernünftig wie möglich zu klingen. »Ich bin eben erst mit meiner Mutter in Sanforan angekommen. Ich hab mich nur umgesehen, weiter nichts.«

»Das soll ich dir abnehmen? Ich wette, du weißt nicht mal, wer deine Mutter ist. Jeder kann sehen, dass du nicht reinblütig bist. Siehst aus wie ein Bastard, halb Wunand, halb sonst was!«

Sofort löste sich Alduins Vernunft in Luft auf. Nackte Wut über die ungerechte und unverschämte Verletzung jagte durch seinen Körper. Der Mann mochte ein Raiden-Falkner sein – jedenfalls sah er so aus –, aber das gab ihm noch lange nicht das Recht, andere Leute so dreist zu beleidigen.

»Wie könnt Ihr es wagen?«, brüllte Alduin. »Wer seid Ihr denn, das Ihr so etwas behaupten könnt? Ich werde… ich werde Euch…«

Alduin war mehr als einen Kopf kleiner und nicht einmal halb so stark wie der Raiden und ihm gewiss in keiner Weise gewachsen. Er musste sich etwas anderes überlegen, und zwar schnell.

»So redest du nicht mit mir!«, gab der Mann wütend zurück. »Du kommst mit mir zur Nachtwache. Die werden schon wissen, was mit dir geschehen soll!«

Er gab Alduins rechten Arm frei, packte ihn aber am anderen Arm mit solcher Kraft, dass der Junge vor Schmerz aufstöhnte, und zerrte ihn hinter sich her. Zuerst wehrte sich Alduin nach Kräften, doch dann versuchte er es mit einer anderen Taktik. Er seufzte, als ob er sich in sein Schicksal ergeben hätte, und schlurfte willig neben dem Raiden her.

»Ehrlich, ich hatte nichts Schlimmes vor«, sagte er mit zermürbter Stimme. »Das Falkenhaus kommt mir irgendwie geheimnisvoll vor. Ich wollte es unbedingt sehen.«

»Schon möglich«, gab der andere ein wenig ruhiger zurück, obwohl seine Stimme immer noch gereizt klang. »Aber wir können nun mal nicht dulden, dass die Regeln so grob missachtet werden!«

Dem Mann mochte inzwischen klar geworden sein, dass er die Angelegenheit ziemlich übertrieben hatte, denn sein Ton wurde milder und er lockerte den Griff. »Die Nachtwächter werden sich um die Sache kümmern. Wenn du wirklich unschuldig bist, hast du nichts zu befürchten.«

»Ja, Herr«, sagte Alduin so unterwürfig wie möglich.

Aber er hatte nicht die geringste Lust, es darauf ankommen zu lassen. Er zermarterte sein Gehirn, wie er sich aus dieser Lage befreien könnte. Kurz darauf bot sich eine Gelegenheit. Als sie die Straßengabelung erreichten, an der Alduin kurz zuvor abgebogen war, sah er seine Chance und ergriff sie sofort. Er warf sich mit aller Kraft gegen den Raiden. Der Stoß kam so unerwartet, dass der Mann seinen Griff einen Augenblick lang lockerte. Lang genug für Alduin, um sich loszureißen und die Straße hinunter zu rasen. Der Mann stutzte überrascht, dann jagte er hinter ihm her. Er holte auf, als Alduin bei den ersten Stufen ankam. Der Junge sprang mit einem einzigen Satz darüber, doch spürte er bereits, dass die Finger seines Verfolgers kurz über sein Haar streiften. Der Mann sprang ebenfalls, aber nicht weit genug, rutschte auf der untersten Stufe aus, knickte mit dem Fuß ein und stürzte. Alduin blieb kurz stehen, konnte sich aber nicht entschließen nachzuschauen, wie schwer der andere verletzt war, sondern wandte sich um und rannte davon in Richtung Gasthof. Erleichtert lachte er auf. Erleichtert lachte er laut auf.

»Das wirst du mir büßen…«, schallte es drohend hinter ihm her.

»Fang mich doch, wenn du kannst!«, schrie Alduin zurück.

Am folgenden Morgen trafen sich Alduin und Aranthia mit Bardelph in der Wirtsstube zum Frühstück. Der Junge hatte seiner Mutter nichts von der unangenehmen Begegnung am Vorabend erzählt, sondern hatte nur gesagt, dass er bis zur inneren Stadtmauer gegangen sei, wo ihm ein verschlossenes Tor den Weg versperrt habe.

»Hast du Calborth gefunden?«, fragte er, kaum dass sich Bardelph ihrem Tisch näherte.

»Euch einen schönen guten Morgen, junger Mann! Habt Ihr gut geschlafen?«, gab der Raiden mit spöttischem Augenzwinkern zurück.

»Ich… äh, ja, klar. Tut mir Leid. Hast du gut geschlafen?«

»Das habe ich«, nickte Bardelph und begrüßte Aranthia höflich, wobei er die Hand auf die Brust legte. »Und Ihr, liebe Frau?«

Sie lachte und spielte das kleine Spiel mit, Alduin ein wenig auf die Folter zu spannen. »So gut wie nie zuvor, werter Herr – wenn man bedenkt, dass es nicht mein eigenes Bett ist. Wollt Ihr Euch nicht zu uns setzen?«

»Sehr gerne«, antwortete er und bedeutete Alduin, ein bisschen zur Seite zu rücken, so dass er sich auf der Bank neben ihn setzen konnte.

»Ist es nicht ein wunderbarer Morgen?«, fuhr Aranthia fort.

»Gewiss. Ein strahlend blauer Himmel verspricht einen schönen Tag.«

Alduin verdrehte ungeduldig die Augen, riss sich aber zusammen. Nachdem der Wirt einen Krug und einen Teller vor Bardelph gestellt hatte, fragte er mit seiner höflichsten Stimme: »Darf ich Euch ein wenig heißen Calba anbieten, werter Herr?«

»Danke, junger Freund.« Der Raiden grinste und nahm einen kräftigen Schluck aus dem Krug. Alduin beobachtete ihn gespannt, setzte aber die freundlichste Miene auf, zu der er fähig war, als sei ihm alles andere herzlich gleichgültig. Endlich stellte Bardelph den Krug wieder hin und schaute ihn an.

»Hast du heute Morgen irgendwas Besonderes vor?«, fragte er.

Alduin schüttelte den Kopf.

»Gut. Ich habe da nämlich mit jemanden gesprochen, der dich kennen lernen möchte.«

»Calborth?«, platzte Alduin heraus, der sich nicht mehr beherrschen konnte.

»Richtig. Er lebt immer noch in der Burg (Zitadelle) und ist mächtig gespannt, dich und Rihscha kennen zu lernen. Wir haben Glück, denn die Falken dort sind vor vierzehn Tagen geschlüpft. So haben die meisten der jungen Falkner genug mit ihren eigenen Vögeln zu tun. Mit einem oder zwei Jungen könnte es Schwierigkeiten geben, weil es bei ihnen dieses Mal nicht geklappt hat.«

»Werden wir sofort nach dem Frühstück zum Falkenhaus gehen?«

»Wüsste nicht, was uns davon abhalten könnte.

Kurze Zeit später verließen die drei das Gasthaus. Alduin trug Rihscha im Korb. Bardelph führte sie durch schmale Nebenstraßen zum Haupttor der Inneren Stadt, wo zwei Onur-Wächter jeden kontrollierten, der hinein wollte. Sie trugen die Uniformen der Zitadelle, dunkelrot mit silbern gestickten Abzeichen. Bardelph erklärte den Grund ihres Besuches und winkte ab, als sie ihm den Weg beschreiben wollten, denn er kannte sich bestens aus.

Hinter der Mauer bildeten die Straßen und Gebäude ein wildes Gewirr, als habe man bewusst jede gerade Linie und jeden rechten Winkel vermeiden wollen. Die Gebäude waren aus ockerfarbenen Steinen gebaut, die man in kleine Würfel gehauen hatte. Im Laufe der Zeit hatte sich ihre Oberfläche durch Wind und Sturm geglättet. Sehr häufig verbanden überdachte Gänge die Gebäude, und wäre Alduin in der Lage gewesen, aus der Falkenperspektive die Innere Stadt zu betrachten, so hätte er feststellen können, dass man sich durch einen großen Teil der Inneren Stadt bewegen konnte, ohne einen Fuß auf die Straße setzen zu müssen. Von weitem schon zog das erhabene Falkenhaus mit seinen Nebengebäuden alle Blicke auf sich. Es wurde dominiert von einer mächtigen, runden Halle, deren sanft geneigtes rotes Ziegeldach über die übrigen, niedrigen Dächer herausragte. Rechts und links schlossen sich weitre Nebengebäude an und umrahmten einen großen Innenhof, in dessen Mitte eine bronzerne Statue einen Falkner darstellte, auf dessen Arm ein Falke mit ausgebreiteten Schwingen saß. Alduin war nicht sicher, ob der Vogel gerade gelandet oder im Begriff war davonzufliegen, aber das Standbild verkörperte in seinen Augen das Wesen der Falknerei. Aufgeregt blickte er sich um.

»Folgt mir«, sagte Bardelph und ging auf eine große Holztür im Hauptgebäude zu.

Im Innern schlug ihnen sofort ein ungewöhnlicher Geruch auf. Bardelph atmete tief ein und seufzte. »Na, jetzt riechst du es endlich, Junge: Falkennektar! Nichts ist damit zu vergleichen!«

Alduin schüffelte vorsichtig. »Riecht irgendwie nach Tiermist… aber süßlich.«

»Hab ich es dir nicht gesagt? Kein Duft der Welt kann sich damit messen.«

»Welchen Unsinn erzählst du jetzt wieder?«, schallte eine tiefe Stimme aus dem Innern der Halle. 

»Calborth«, flüsterte Bardelph Alduin und Aranthia zu. »Er ist in der Bruthalle.«

»Hört auf zu flüstern und kommt rein!«

Sie betraten das Heiligtum des Falkenhauses: eine Runde Halle, in der die Falken gezüchtet wurden, wo sie ausschlüpften, den Bund mit ihren Falknern schlossen und ihre ersten Lebenswochen verbrachten. Im Innern war es ein wenig schwül; durch das Fenster an der Ostseite fielen die Strahlen der aufsteigenden Sonne schräg durch die staubige Luft. In der Mitte des Raumes stand ein großer runder Steintisch, und an den Wänden reihten sich große Käfige aneinander, in denen jeweils drei oder vier Falkenküken schliefen. Ein Mann räumte gerade Behälter in einen Schrank, aber beim Klang ihrer Schritte wandte er sich um: Calborth, der Falkenmeister von Sanforan, der hier schon länger lebte als die meisten anderen Bewohner, und so sah er auch aus. Sein Haar war mit einem grünen Lederband zu einem langen Pferdeschwanz gebunden; es war silbergrau, genau wie die buschigen Augenbrauen und der frisch zu Zöpfen geflochtene Bart. In dem von tiefen Furchen durchzogenen Gesicht blitzten lebhafte blaue Augen. Sein Gang wirkte leicht wie der eines viel jüngeren Mannes. Er legte zum traditionellen Gruß die Hand auf die Brust; die drei Besucher erwiderten die Geste.

»Meister Calborth – ich wünsche Euch einen guten Morgen«, sagte Bardelph. »Darf ich Euch Aranthia und ihren Sohn Alduin vorstellen?«

Der alte Mann verbeugte sich leicht vor Aranthia und richtete dann den Blick mit freundlicher Neugier auf Alduin. »Wie ich höre, bist du Cals Sohn. Tut mir Leid, dass er nicht mehr… bei uns ist… War ein guter Falkner.«

»Cal verschwand vor fast vierzehn Jahren«, erklärte Aranthia traurig. »Er hat nicht einmal mehr erfahren, dass er Vater wurde.«

»Das tut mir Leid. Aber jetzt tritt ja sein Sohn in seine Fußstapfen, wie ich höre.« Der Falkenmeister verzog seinen Mundwinkel zu einem abschätzenden Lächeln. »Schauen wir uns doch mal deinen Falken an«, sagte er und bedeutete Alduin, den Korb auf den Steintisch zu stellen. Der Junge hob den Deckel und nahm vorsichtig den schlafenden Rihscha heraus. Er hielt ihn hoch, so dass Calborth ihn genau betrachten konnte. Die goldenen Sonnenstrahlen ließen das Gefieder des jungen Falken sanft erglühen und gaben einen ersten Eindruck von den tiefen Farben, die der Vogel schon bald tragen würde. Bereits jetzt war deutlich zu sehen, dass er ganz anders war als die Ithil-Falken, die in Sanforan gezüchtet wurden.

Calborth schwieg lange, während er tief in Gedanken versunken an einem seiner Bartzöpfe zupfte. Schließlich nickte er bedächtig. »Jetzt sehe ich, was du meinst, Bardelph. Der hier wird eine Schönheit. Und sehr groß wird er auch. Nur zwei Siebentage alt? Aber natürlich, Marvens sind eine gute Handspanne größer als Ithils. Und auch noch ein wilder Marven! So was habe ich noch nie gehört. Frage mich aber…«

»Bereitet Euch das Schwierigkeiten?«, unterbrach Aranthia seinen Monolog. »Tut mir Leid… ich weiß, das alles ist recht ungewöhnlich, aber mir scheint, dass Rihscha Alduin aus irgendeinem Grund zum Gefährten gewählt hat und…«

»Ihr habt recht getan, hierher zu kommen, gnädige Frau«, versicherte ihr Calborth. »Würde mich freuen, Alduin und Rihscha zu helfen, wird aber schwierig werden. Bei den meisten Jungen kommt der Bund mit den Falken erst mit vierzehn oder fünfzehn zu Stande. Wie alt bist du, mein Junge?«

»Erst dreizehn«, gestand Alduin, der allmählich zu ahnen begann, welche Schwierigkeiten vor ihm liegen mochten.

»Die neuen Lehrlinge lernen schon mit elf Bogenschießen, Runenschrift und Runenlesen und wie man Pfeil und Bogen herstellt. Später kommen noch Astronomie und Kräuterheilkunde hinzu. Alduin wird alle Fächer gleichzeitig lernen müssen. Es wird sehr anstrengend für ihn werden.«

»Macht mir nichts aus! Ich will ein echter Falkner werden. Ich werde ganz hart arbeiten, um der Beste zu werden!«

Die drei Erwachsenen lächelten über seine Begeisterung. In diesem Augenblick wachte Rihscha auf, riss den Schnabel weit auf und forderte lautstark sein Fressen.

»Bring ihn hier rüber«, befahl Calborth und winkte Alduin mit sich. Er öffnete einen gekühlten Schrank und nahm einen Tonkrug heraus, der mit einem dicken Klumpen Wachs verschlossen war.

»Das hier ist frisches Hühnerfleisch.«

Während Alduin seinen Falken fütterte, unterhielt sich Calborth mit Bardelph und Aranthia.

»Gut möglich, dass ein paar Jungen nicht sehr glücklich sein werden«, meinte er. »Alduin ist ein Mischling, und auch das ist ziemlich ungewöhnlich bei einem Falkner. Trotzdem glaube ich, dass es am besten ist, wenn er so bald wie möglich hier in die Falknerei zieht. Ich werde heute Mittag mit den anderen Lehrern und mit der Hausmutter sprechen. Am besten bringt ihr ihn mit seinem Gepäck heute Abend hierher.«

»So bald schon…?« Aranthia konnte nicht verbergen, wie schwer Calborths Vorschlag sie getroffen hatte.

»Er muss viel nachholen. Muss eine Menge lernen.«

»Ja, ja, ich verstehe«, gab Aranthia nach. »Aber muss er auch hier wohnen? Es kommt alles so plötzlich.«

»Wenn er nicht im Schlafsaal bei den anderen Jungen übernachtet, wird ihn das nur noch mehr von ihnen trennen«, erklärte ihr Bardelph. »Wenn er von ihnen akzeptiert werden will, muss er genau so leben wie sie, das ist seine einzige Chance.«

Aranthia begriff das nur zu gut, aber trotzdem hätte sie gern noch ein paar Tage mit ihrem Sohn verbracht.

»Alle Siebentage einmal können die Jungen ihre Familien besuchen. Das ist schon in vier Tagen. Und dann habt ihr den ganzen Tag «, versicherte ihr Calborth. »Ihr werdet Euch besser fühlen, wenn Ihr seht, dass er sich gut eingelebt hat.«

Aranthia wusste natürlich, dass der Vorschlag des Falkenmeisters vernünftig war, auch wenn ihr das Herz schwer wurde. Als Alduin wieder zu den Erwachsenen stieß, setzte sie eine unbekümmerte Miene auf und sagte fröhlich: »Was meinst du dazu, Alduin – du kannst schon heute Abend hier einziehen und sofort mit deiner Lehre anfangen! Und in einigen Tagen komme ich, dann haben wir ein paar Stunden für uns und du kannst mir alles erzählen.«

»So bald schon!«, rief Alduin, ohne zu ahnen, dass er wie ein Echo seiner Mutter klang.

»Wir dürfen keine Zeit verlieren. Du wirst bald so viel zu tun haben, dass du glatt vergessen wirst, jemals an einem anderen Ort gelebt zu haben«, meinte Calborth. »Deine Mutter wohnt ganz in der Nähe und du wirst sie bald wieder sehen.«

Alduin nickte; Aranthia und Bardelph blickten ihn aufmunternd an. Er sah auf den jungen Falken in seiner Hand und wurde plötzlich von seltsam starker Zuneigung gepackt. Es war, als hätte Rihscha, obwohl er schlief, seine innere Verwirrung gespürt und wollte ihn wissen lassen, dass er nichts zu befürchten habe.

»Dort steht ein leerer Käfig, in den wir Rihscha vorerst setzen können«, fuhr Calborth fort. »Hier ist er in Sicherheit und ich werde ihn füttern, bis du zurückkommst.«

»Aber ich… danke, Meister. Ich weiß, dass er hier sicher ist…«, sagte Alduin noch etwas zögernd, halb dankbar.

Sie setzten Rihscha in den Käfig und schlossen leise das Türchen. Calborth klopfte dem Jungen auf die Schulter und schob ihn sanft zu seiner Mutter. »Rihscha wird sich hier wohl fühlen. Geh jetzt mit deiner Mutter und pack deine Sachen.«

Bardelph wollte noch mit seinem früheren Lehrmeister reden, also gingen Aranthia und Alduin allein zum Gasthof zurück. Auf dem Weg sprachen sie kein einziges Wort. Sie hätten sich so viel zu sagen gehabt, wussten aber nicht, womit sie anfangen sollten. Wie hätten sie die Liebe in Worte fassen können, die sie füreinander empfanden? Und wie die seltsame, unbestimmte Ahnung voreinander verheimlichen, die sich beiden aufdrängte, wenn sie an die Zukunft dachten?

»Der Schrei des Falken«

Osanna Vaughn

Buchvorstellung

Inhalt

Leseprobe deutsch

Leseprobe englisch


Der Schrei des Falken

»Der Schrei Des Falken «

Der erste Jugendroman aus der Saga um DAS ERBE DER RUNEN.


weitere Romane:

Im Auge des Falken

»Das Vermächtnis des Falken«

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Osanna Vaughn


Im Auge des Falken

»Im Auge des Falken«

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»Die Schattenweberin«

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»Die Feuerpriesterin«

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Doppelalbum:

Doppelalbum »Legacy of Runes«

»Legacy of Runes«

Anna Kristina

 
     
 
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