Das Erbe der Runen
 
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Leseprobe:
»Die Feuerpriesterin«
Monika Felten

Weit im Norden von Nymath, jenseits der endlosen Weite der Nunou, regte sich etwas in den feurigen Abgründen des Wnutu, jenes mächtigen schwarzen Berges, in dessen Innerem die Erde den Wehlfang in pulsierenden Stößen aus ihrem Leib presste.

Das flüssige Feuer, das die tiefe Erdspalte seit Urzeiten in stetem Strom füllte, war in Aufruhr. Funken stoben, und glühende Schlacke sprühte so weit empor, als peitschte ein mächtiger Sturm die brodelnde Oberfläche.

Es war heiß. Unerträglich heiß. Aber Vhara spürte weder die Hitze des Gesteins unter ihren Füßen noch den feurigen Brodem des glühenden Stromes, der kaum drei Armeslängen unter ihr dahinfloss. Nicht der kleinste Windhauch streifte ihr Gewand, als sie langsam auf den schmalen Sims hinaustrat, der wie ein steinerner Finger über die roten Fluten ragte.

Nur einen Schritt vom tödlichen Abgrund entfernt, hielt sie inne, breitete die Arme aus und intonierte mit klarer Stimme die Worte der Anrufung.

Endlose Augenblick geschah nichts.

Dann erklang im Innern des Berges ein dumpfes Grollen wie von einem Erdbeben, während das Tosen des Wehlfangs weiter zunahm. Immer mehr Flammenzungen schossen in die Höhe, leckten an den schwarz glänzenden Wänden des Flussbetts empor und züngelten tastend über den steinernen Sims.

Die Hohepriesterin beachtete sie nicht. Selbst als die Flammen ihre bloßen Fußknöchel umschlangen und mit heißen Zungen über ihre Haut strichen, blieb sie ungerührt stehen und wartete.

Das Grollen wurde lauter, die Erde erzitterte wie unter heftigen Stößen. Das Beben riss einen schlanken steinernen Zapfen von der Decke, der sich nur wenige Schritte von Vhara entfernt wie ein Dolch in den glühenden Fluss bohrte. Gleich darauf schoss an derselben Stelle eine gewaltige Fontäne aus den Fluten des Wehlfangs empor, der feurige Schlackeklumpen bis an die Höhlendecke schleuderte, wo sie zerbarsten und als tausendfacher Funkenregen zu Boden fielen.

Es war ein imposantes und zugleich bedrohliches Schauspiel, doch auch davon zeigte sich Vhara unbeeindruckt. Furchtlos verharrte sie auf dem Sims und wich selbst dann nicht zurück, als Dutzende glühender Gesteinsbrocken kaum eine Handbreit neben ihr auf dem Boden aufschlugen.

Das Ritual war ihr nicht neu, und sie wartete mit unerschütterlicher Ruhe auf den Augenblick, da die Fontäne in sich zusammensank und erstarb. Zurück blieb ein feuriger Nebel, dessen Schwaden sich rastlos hin und her bewegten und langsam die geisterhafte Gestalt einer Frau formten.

Die Serkse!

Die Herrin des flüssigen Feuers war in ein Gewand aus feurigen Lohen gehüllt. Das lange Haar wallte ihr wie züngelnde Flammen um den Kopf. Sie war jung, schön und anmutig, doch in den Augen, die das Feuer widerspiegelten, lag keine Wärme. Ihr Blick war so vernichtend wie die Kraft des Feuers, und in ihrer Stimme vereinten sich Spott und abgrundtiefe Verachtung, als sie den Mund öffnete und das Wort an Vhara richtete.

„So ist er also gescheitert.“

„Ein Schlacht ging verloren – nicht aber der Krieg“, erwiderte Vhara kühl. „Hüte deine Zunge, die Macht meines Meisters ist ungebrochen.“

„Es sind die Schlachten, die Kriege entscheiden.“ Ein verächtliches Lachen, das wie knisterndes Feuer klang, entflog den Lippen der Serkse.

„Allein die letzte Schlacht entscheidet.“ Vhara blieb unbeirrt. „Du weißt, warum ich gekommen bin.“

„Wie könnte ich das vergessen?“ Die Farbe der Flammen, welche die Serkse einhüllten, wechselte von Orange zu einem zornigen Tiefrot, als sie sich der schmachvollen Niederlage erinnerte, die sie vor vielen Wintern erlitten hatte. „Du bist gekommen, um in seinem Namen einzufordern, was dereinst besiegelt wurde.“

„Ein wahrhaft lächerlicher Preis dafür, dass mein Meister dich und dein Reich verschont – nicht wahr? “ Vhara nickte, schaute sich um und fragte gereizt: „Im Laufe der Winter dürften einige Dutzend zusammengekommen sein. Wo sind sie?“

„Sie sind hier!“ Die Serkse breitete die Arme aus und deutete nach unten. „Der Wehlfang ist ihre Heimat. Ihre Körper sind verbrannt und zu Asche zerfallen, doch die Seelen ...“ 

„Ich bin nicht gekommen, um lange, unsinnige Reden mit dir zu führen.“ Vhara machte eine ungeduldige Handbewegung. „Die Vereinbarung sieht vor, dass du mir ein Heer von Kriegern stellst.“ Ihre Stimme wurde noch eine Spur schärfer, als sie hinzufügte: „Krieger und nicht die Seelen der Verdammten, die ihr elendes Leben im Feuer des Wehlfangs aushauchten. Also, wo sind sie?“

„Nicht Schlachten allein, auch Ungeduld und Übereifer sind allzu oft eine Quelle des Verderbens“, erwiderte die Serkse herrisch. Ehe Vhara darauf etwas erwidern konnte, hob sie die Arme und murmelte mit geschlossenen Augen Worte, die die Hohepriesterin nicht verstehen konnte.

Wieder erklang das dumpfe Grollen, das Vhara schon einmal gehört hatte. Doch diesmal war es lauter und schien noch näher zu sein. Unter ihren Füßen spürte sie, wie der Fels erbebte, und sah feinen Staub von der Höhlendecke herabrieseln, während unmittelbar hinter ihr das hässliche Geräusch von berstendem Stein ertönte. In einer ansatzlosen Bewegung wirbelte sie herum und sah, wie sich ein klaffender Riss mit rasender Geschwindigkeit quer durch den Sims zog.

Vier Schritte trennten Vhara vom rettenden Ufer, eine Spanne, die in der verbleibenden Zeit unmöglich überwunden werden konnte. Schon neigte sich der Sims ächzend zur Seite. Kleine Steine versanken zischend in der Glut des Wehlfangs, während die feinen Verästelungen, die dem Riss vorauseilten, die gegenüberliegende Seite des Simses erreichten. Das Rumoren aus den Tiefen des Berges mischte sich mit dem Krächzen des verglühenden Gesteins, und über allem lag das schallende Gelächter der Serkse, die Vharas scheinbar aussichtslose Lage genoss.

Ohne auch nur einen einzigen Schritt zu tun, bewegte Vhara sich blitzartig von dem Sims fort. Für den Bruchteil eines Augenblicks verschwand ihre Gestalt wie von Geisterhand, um gleich darauf am sicheren Ufer wieder zu erscheinen.

Der rettende Zauber kam keinen Augenblick zu früh. Kaum, dass Vhara ihren Fuß auf festen Boden setzte, brach der Sims vollends ab und versank unter brodelndem Zischen in dem flüssigen Feuer.

 „Ein nettes Kunststück.“ Das Lachen der Serkse erstarb.

Vhara, die das magische Kunststück alle verbliebene Kraft gekostet hatte, hörte den Spott in ihrer Stimme selbst über das Tosen hinweg, das die Höhle erfüllte. Um Atem ringend, stand sie am Ufer des Wehlfangs und lauschte dem unablässigen Dröhnen und Donnern, das den Berg erzittern ließ. Das Beben riss schwarze Gesteinsbrocken von der Decke, die krachend zu Boden fielen oder schäumend in den glutheißen Fluten versanken. Es war, als ginge die unterirdische Welt in dem Chaos aus berstenden Steinen, spritzender Glut und gelben Dämpfen unter.

Dann hörte sie ein Kreischen.

Es war ein grässlicher Laut, so abscheulich, wie kein sterbliches Wesen ihn hervorzubringen vermochte, und so schrill, dass selbst Vhara bis ins Mark erzitterte. Sie presste beide Hände auf die Ohren, doch auch das vermochte dem ohrenbetäubenden Klang keinen Einhalt zu gebieten. Die durchdringenden körperlosen Schreie drangen von überall her auf sie ein und bestürmten selbst ihre Gedanken.

Mit jedem Augenblick, der verstrich, schwollen sie weiter an und vereinten sich mit dem Wüten der Elemente zu einem Furcht erregenden Chor gemarterter Seelen, die ihr unsägliches Leid in das feurige Zwielicht der Höhle herausschrieen.

Niemals zuvor hatte Vhara etwas ähnlich Schreckliches erlebt. Gerade als sie glaubte, es nicht länger ertragen zu können, veränderte sich etwas. Während die Erschütterungen im Boden langsam verebbten, schwangen in dem Kreischen und Heulen andere, neue Töne mit. Zunächst noch sanft wie ein Windhauch, doch bald immer lauter werdend, strich ein tiefes vielstimmiges Seufzen durch die Höhle und trug die Schreie mit sich fort, während die letzten Gesteinsbrocken auf dem Höhlenboden zerbarsten.

Dann war es still. Totenstill… Selbst das unablässige Brodeln und Zischen des Wehlfangs schien verstummt.

Vhara atmete auf, straffte sich und sah sich um.

Die Gestalt der Serkse schwebte noch immer über dem feurigen Strom. Die Herrin über das flüssige Feuer lächelte so ungerührt, als sei nichts geschehen, doch die spöttische Genugtuung, mit der sie Vhara bedachte, sagte mehr als alle Worte.

„Du wolltest Krieger?“, fragte sie, deutete auf den Wehlfang und fügte, ohne eine Antwort abzuwarten, hoheitsvoll hinzu: „Hier sind sie.“

»Die Feuerpriesterin«

Monika Felten

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Leseprobe


Der Schrei des Falken

»Die Feuerpriesterin«

Der zweiter Teil der Saga zu DAS ERBE DER RUNEN von Monika Felten

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